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Kreislaufwirtschaft im Bauwesen: Gebäude zirkulär denken

Das Statistische Bundesamt gab für im Jahr 2021 neugeborene Mädchen eine durchschnittliche Lebenserwartung von 83,4 Jahren an, für neugeborene Jungen von 78,6 Jahren. Doch wie lange besteht eigentlich ein Gebäude? Das hängt von vielen Faktoren ab, etwa von seiner Nutzung, seiner Bauweise und nicht zuletzt von der Ausführungsqualität. Fest steht: Wer heute ein Gebäude plant, sollte auch berücksichtigen, was am Ende seiner Nutzung mit ihm geschieht. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Bauteile und Materialien möglichst lange genutzt, weiterverwendet oder in andere Nutzungskreisläufe überführt werden können. Das Stichwort lautet Kreislaufwirtschaft. Welche Möglichkeiten haben Eigentümer, Planer und ausführende Unternehmen, um Gebäude und Baustoffe mehrfach zu nutzen? Und welche Konstruktions- und Planungsansätze unterstützen eine zirkuläre Nutzung von Gebäuden und Materialien?

Rund 40 Prozent der CO₂-Emissionen und nahezu ein Drittel aller Abfälle in der Europäischen Union (EU) entstehen im Zusammenhang mit Planung, Bau und Betrieb von Gebäuden. Die Revitalisierung bestehender Gebäude gewinnt deshalb zunehmend an Bedeutung. Aus baulichen, funktionalen, technischen oder wirtschaftlichen Gründen ist sie jedoch nicht in jedem Fall möglich. Umso wichtiger ist ein differenzierter Blick auf den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes.

Bei der Betrachtung eines Gebäudes über seine Nutzungsphase hinaus sind verschiedene Aspekte von Bedeutung.

Kreislaufwirtschaft: Rückbau und Entsorgung

Der Primärenergieaufwand für den Rückbau und die Entsorgung eines Gebäudes sowie der darin verbauten Baustoffe fließt in die Bewertung der sogenannten grauen Energie ein und wird in der Ökobilanz berücksichtigt. Mit dem Rückbau endet damit zwar der Lebenszyklus eines Gebäudes aus Sicht der Bilanzierung.

Betrachtet man jedoch die zurückgebauten Materialien als Wertstoffe, ergibt sich eine erweiterte Perspektive. Viele Baustoffe können auch nach dem Ende einer Gebäudenutzung weiterhin genutzt, weiterverarbeitet oder in neue Nutzungskreisläufe überführt werden. Deshalb sollten die Möglichkeiten einer späteren Wieder- oder Weiterverwendung bereits bei der Wahl von Gebäudekonstruktionen und Materialien berücksichtigt werden.

Ein bewusster Umgang mit Ressourcen bedeutet somit nicht allein, den Materialeinsatz eines Gebäudes zu betrachten. Im Sinne der Kreislaufwirtschaft ist ebenso relevant, welche Baustoffe nach dem Ende der Nutzung möglichst hochwertig in Stoffkreisläufe zurückgeführt werden können.

Dabei spielen bei der Materialauswahl insbesondere folgende Kriterien eine Rolle:

  • Langlebigkeit
  • Homogenität und Trennbarkeit sowie
  • Schadstofffreiheit

Wert-Stoff oder Schad-Stoff?

Zur Veranschaulichung stellen wir zwei unterschiedliche Außenwandkonstruktionen gegenüber. Die erste Variante besteht aus Stahlbeton mit einem Wärmedämmverbundsystem (WDVS) aus expandiertem Polystyrol (EPS). Als Vergleich dient ein Wandaufbau in Holzrahmenbauweise mit Zellulosefaserdämmung. Die beiden Systeme unterscheiden sich deutlich hinsichtlich ihrer Materialeigenschaften und ihrer Eignung für eine spätere Wieder- oder Weiterverwendung der eingesetzten Baustoffe.

Beispiel Stahlbeton mit WDVS

Betrachten wir zunächst einen Wandaufbau aus Stahlbeton mit Wärmedämmverbundsystem (WDVS) hinsichtlich seiner späteren Wieder- und Weiterverwendung. Die Konstruktion besteht aus mehreren Materialien, darunter Stahl, Beton, Dämmstoff und Putz. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Eigenschaften und der festen Verbindung der einzelnen Schichten ist eine sortenreine Trennung beim Rückbau mit entsprechendem Aufwand verbunden.

Nach einer Trennung können einzelne Bestandteile weiterverarbeitet werden. So lassen sich aus Beton durch Recyclingprozesse beispielsweise Sekundärrohstoffe wie Betonsplitt oder Brechsand gewinnen. Bei älteren EPS-Dämmstoffen sind die Möglichkeiten der Wiederverwendung bzw. Weiterverarbeitung dagegen häufig eingeschränkt.

Hinsichtlich der Nutzungsdauer unterscheiden sich die einzelnen Bestandteile ebenfalls. Während Stahlbeton in der Regel eine lange Lebensdauer aufweist, ist bei Wärmedämmverbundsystemen je nach Ausführung und Beanspruchung oftmals eine frühere Erneuerung erforderlich. Dadurch können über den gesamten Gebäudelebenszyklus zusätzliche Maßnahmen anfallen.

Vor diesem Hintergrund zeigt das Beispiel, dass die Kriterien Langlebigkeit, Trennbarkeit, Homogenität der Materialien und Schadstofffreiheit bei der Auswahl von Konstruktionen und Baustoffen bereits frühzeitig berücksichtigt werden sollten.

Beispiel Holz mit Zellulose-Faserdämmstoff

Eine weitere Möglichkeit stellt eine Außenwandkonstruktion in Holzrahmenbauweise mit Zellulose-Faserdämmstoff dar. Die Konstruktion besteht überwiegend aus Materialien, die sich hinsichtlich Trennbarkeit und Wiederverwendung gut betrachten lassen. Zudem werden für die Dämmung häufig Zelluloseprodukte eingesetzt, die auf recyceltem Altpapier basieren.

Hinsichtlich der Nutzungsdauer kann eine fachgerecht ausgeführte Holzkonstruktion langfristig eingesetzt werden. Da sich die Dämmung innerhalb der Konstruktion befindet und nicht unmittelbar der Witterung ausgesetzt ist, orientiert sich ihre Nutzungsdauer in vielen Fällen an derjenigen der tragenden Bauteile. Im Gebäudelebenszyklus können dadurch weniger Austauschmaßnahmen erforderlich werden.

Die einzelnen Materialien lassen sich beim Rückbau oftmals vergleichsweise gut voneinander trennen. Zellulosedämmstoffe werden von verschiedenen Herstellern bei entsprechender Aufbereitung teilweise zur weiteren Verwendung zurückgenommen. Auch Bauholz kann je nach Qualität und Zustand erneut eingesetzt oder weiterverarbeitet werden. Darüber hinaus bestehen Möglichkeiten, Holz in anderen Produkten weiter zu nutzen, beispielsweise in Holzfaser- oder Spanplatten. Damit ergeben sich verschiedene Optionen, Materialien nach dem Ende einer Gebäudenutzung in weitere Stoffkreisläufe zu überführen.

Bei der Materialauswahl spielen Trennbarkeit, Wiederverwendung und die Rückführung von Baustoffen in weitere Stoffkreisläufe eine wichtige Rolle.

Durchgängige Kreislaufwirtschaft: Cradle to Cradle

Durch die Auswahl langlebiger, trennbarer und wiederverwendbarer Baustoffe können Materialien über mehrere Nutzungszyklen hinweg eingesetzt werden. Dadurch bleiben Wertstoffe länger im Stoffkreislauf verfügbar und die Möglichkeiten einer späteren Weiterverwendung oder Weiterverarbeitung werden bereits bei der Planung berücksichtigt.

Dieser Gedanke findet in der klassischen Ökobilanz eines Produkts bislang nur eingeschränkt Berücksichtigung. Im Mittelpunkt stehen hier in der Regel die Umweltwirkungen über den Lebenszyklus eines Produkts hinweg, also „from Cradle to Grave“ – von der Herstellung bis zur Entsorgung.

Bei einer erweiterten Betrachtung werden darüber hinaus die Potenziale der Wiederverwendung und Rückführung von Materialien in weitere Nutzungskreisläufe einbezogen. Dieser Ansatz wird häufig mit dem Cradle-to-Cradle-Prinzip beschrieben, sinngemäß übersetzt „vom Ursprung zum Ursprung“. Ziel ist es, Materialien nach dem Ende einer Nutzung möglichst hochwertig weiterzuverwenden oder in neue Stoffkreisläufe zu überführen.

In diesem Zusammenhang vermittelt der in den 1980er-Jahren von Hideo Nanjyo geprägte Begriff des Urban Mining ein anschauliches Bild. Städte und Gebäude werden dabei als Ansammlung wertvoller Materialien betrachtet. Diese Materialien können nach einem späteren Rückbau wiedergewonnen und für weitere Anwendungen genutzt werden.

Solarparc in massiver Holzbauweise: Ein Beispiel für lebenszyklusorientierte Planung mit Fokus auf Materialeinsatz und Wiederverwendungspotenziale.

Fazit: Revitalisierung als zentraler Baustein der Kreislaufwirtschaft

Die Revitalisierung bestehender Gebäude kann eine Möglichkeit sein, vorhandene Bausubstanz langfristig weiter zu nutzen. Gebäude oder Gebäudeteile, die erhalten und an neue Anforderungen angepasst werden können, müssen nicht ersetzt werden. Ist dies nicht möglich, lohnt sich ein genauer Blick auf die eingesetzten Materialien und deren Potenziale für eine spätere Wiederverwendung oder Weiterverarbeitung.

 

Auch wenn es auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mag, bereits bei der Planung eines Neubaus dessen spätere Umnutzung, Revitalisierung oder Verwertbarkeit zu berücksichtigen, eröffnet genau diese Perspektive wichtige Chancen. Konstruktionen und Materialien können so ausgewählt werden, dass sie den Anforderungen einer späteren Anpassung oder eines Rückbaus möglichst gut gerecht werden.

 

Wer Gebäude mit Blick auf ihren gesamten Lebenszyklus entwickelt, schafft die Voraussetzungen dafür, Materialien langfristig in Nutzungskreisläufen zu halten. Damit gewinnen Themen wie Revitalisierung, Wiederverwendung und Urban Mining zunehmend an Bedeutung. Planungs- und Bauwirtschaft können gemeinsam mit Investitionsentscheidern dazu beitragen, diese Aspekte bereits frühzeitig in Bauprojekte zu integrieren.

Ansprechpartner:
Heiko Hensing

Partner Vollack West
Fon +49 2102 5979404
hhensing@vollack.de
Kontaktieren Sie Heiko Hensing auf LinkedIn

Was ist Kreislaufwirtschaft?

Die Kreislaufwirtschaft verfolgt das Ziel, Materialien und Rohstoffe möglichst lange in Nutzungskreisläufen zu halten. Stoffe werden dabei nicht ausschließlich als Abfall betrachtet, sondern als Materialien, die weiterverwendet oder weiterverarbeitet werden können. Rund die Hälfte des bundesweiten Abfallaufkommens entfällt auf Bau- und Abbruchabfälle. Entsprechend gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Gebäude, Bauteile und Baustoffe über mehrere Nutzungszyklen hinweg eingesetzt werden können.

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